„Ich habe ständig das Gefühl, mein Kopf macht sein eigenes Ding.“
Diesen Satz hören wir in unserer Praxis immer wieder. Manchmal sagt ihn eine Mutter über ihren Sohn, der im Unterricht aus dem Fenster schaut und trotzdem zu Hause stundenlang über das Weltall erzählen kann. Manchmal erzählt ihn eine Jugendliche, die gleichzeitig fünf Ideen für ein Referat hat, aber nicht weiß, womit sie anfangen soll. Und immer häufiger hören wir ihn auch von Erwachsenen, die sich fragen, warum sie sich bei der Arbeit so schwer konzentrieren können, obwohl sie voller Ideen sind.
Lange Zeit wurde dieses Abschweifen der Gedanken fast ausschließlich als Problem betrachtet. Eltern hören, ihr Kind passe nicht auf. Erwachsene machen sich selbst Vorwürfe, weil sie Texte mehrfach lesen müssen oder mitten in einer Aufgabe plötzlich bei einem ganz anderen Gedanken angekommen sind. Viele haben im Laufe der Jahre den Eindruck entwickelt, mit ihnen stimme etwas nicht.
In unseren Gesprächen zeigt sich allerdings häufig ein anderes Bild. Viele Menschen, deren Gedanken ständig neue Wege gehen, bringen oft ungewöhnliche Ideen mit, erkennen Zusammenhänge erstaunlich schnell oder finden Lösungen, auf die andere nicht gekommen wären.
Das bedeutet natürlich nicht, dass die Schwierigkeiten im Alltag verschwinden. Wer seine Aufmerksamkeit nur schwer steuern kann, erlebt Schule, Ausbildung, Studium oder Beruf oft als anstrengend. Trotzdem lohnt es sich, dieses scheinbare Gegeneinander von Schwäche und Stärke genauer anzuschauen.
Zu unseren Beobachtungen passen aktuelle Forschungsergebnisse. Sie greifen etwas auf, das wir in unserer Praxis seit vielen Jahren beobachten: Das Gedankenwandern, das vielen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen das Leben schwer macht, könnte gleichzeitig eine wichtige Voraussetzung für kreatives Denken sein. Es kommt allerdings darauf an, wie unsere Gedanken abschweifen.
Wenn Gedanken abschweifen – und warum daraus oft gute Ideen entstehen.pdf (Verbergen)





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